
(Foto von A.W.: Stuart Mentiply, Montage: SenderFN)
Ich habe ein Buch gelesen. Ja, ganz durch, eine Studie mit Tabellen, Diagrammen, Fremdwörtern, Zusammenfassungen, Fußnoten (okay, die habe ich auch meist nur überflogen). Aber immerhin, ich habe das Buch “Deutsche Zustände”, Bd. 9, ausführlich zur Kenntnis genommen. Erschütternd war das einerseits, was die darin formulierten Erkenntnisse über den sozialen Zusammenhalt in diesem Lande betrifft, aber andererseits bestärkte es mich auch in dem Gefühl, das ich tagtäglich habe, wenn ich mich im Strassenverkehr bewege, wenn ich Nachrichten sehe, Blogkommentare lese, Bruder Ministerle und Konsorten sprechen höre. Überall lassen sich Menschen nur zu gerne aufeinander hetzen, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist spürbar allerorten, und dank dieser ausführlichen Studie offensichtlich auch messbar.
Man liest also dieses Buch, und dann kommt Anne Will. Und klatscht in einem lächerlichen “Einspieler” eine komplexe Langzeitstudie an die Wand, zu deren Zwecke Tausende Menschen befragt wurden, wo sich Wissenschaftler die Köpfe zerbrochen haben, darüber wie genau die Fragen lauten müssen, Ergebnisse analysiert haben, Gegenfragen gestellt und gesamteuropäische Umfragen einbezogen haben, eben so richtig gearbeitet haben, und dann kommt die Anne Will mal eben so mit einem schnieken Fragesteller um die Ecke, befragt eine Handvoll Leute, und schon hat sich die Studie überlebt! Ja, haben die denn noch alle Latten am Zaun? Wie lange sollen wir uns eigentlich noch so vorführen lassen, vom sogenannten Qualitätsjournalismus!? Okay, wahrscheinlich ist es auch Faulheit und die Anne hat das Buch sicherlich höchstens von unbezahlten Praktikanten lesen lassen. Aber es ist sicherlich auch mehr: Es ist schlicht Irreführung, damit alles schön immer so bleibt, wie es war, und damit wir uns weiter an Frau Lötsch’s K-Wortentgleisung aufgeilen können, und uns alle gleichermaßebn am neu erblühenden Aufschwung erquicken. Frau Will und ihre Kollegen sind nicht schwachsinnig, sie sind falsch, verlogen, niederträchtig.