Revolution und Berlinale


Seit dem spätem Sonntagabend steht Athen teilweise in Flammen. Auch ein ehrwürdiges altes Kino brannte lichterloh.

Die griechische Bevölkerung ist in einer völlig verzweifelten Lage und versucht nichts weiter, als ihren Arsch zu retten. Mit an ihrer Seite kämpfen Leute wie Mikis Theodorakis, der sich mit seinen 86 Jahren sogar eine gehörige Portion Tränengas eingefangen hat …

Nun gab es heute Abend eine Solidaritätskundgebung in Berlin. Ca. 30 wackere Demonstranten, überwiegend aus der Berliner Occupy/Echte Demokratie JETZT!-Fraktion, fanden sich in der Eiseskälte vor der griechischen Botschaft ein.

Wie bitte? Ca. 30? Ganze 30? 30 ganze Menschen? Wow … ich könnte kotzen über dieses ignorante, arrogante, dämliche Berliner Pack, das sich regelmäßig zu schade ist, um auf die Straße zu bringen, was dort hingehört. Protest, Solidarität, Gegenkraft, Selbstermächtigung, Verstand und so was wie Anstand.

Griechenland ist nur der Anfang, das weiß im Grunde jeder halbwegs informierte und denkende Bürger und vor allem diejenigen, die sich für die großen Denker und Lenker halten.

Am Abend davor gab es eine Veranstaltung auf der Berlinale zu bestaunen, die einen wesentlichen Ausschnitt des Dilemmas, in der unsere bundesdeutsche Gesellschaft steckt, perfekt, wenn auch ganz sicher ungewollt, auf den Punkt bringt. Der Film “Angriff auf die Demokratie – eine Intervention” von Romuald Karmarkar dokumentiert eine Veranstaltung vom 18. Dezember im Berliner “Haus der Kulturen der Welt”, in deren Verlauf 10 verschiedene “Intellektuelle” – Wissenschaftler (Friedrich von Borries, Josef Vogl, Harald Welzer),  Publizisten (Carolin Emcke, Julia Encke, Nils Minkmar), Autoren (Ingo Schulze), Millionenerbinnen (Franziska Augstein), Exunterhaltungskünstler (Roger Willemsen) … – sich im Fach der Empörung üben. Sie bringen ihre Unzufriedenheit über Finanzkrise und den Umgang mit dieser seitens von Politik und Medien, Demokratieabbau und soziale Schieflagen zum Ausdruck, sprechen sogar davon, dass sich etwas ändern müsse, und der Panomaraboss Wieland Speck spricht davon, dass Karmarkar den Finger in die Wunde legen täte. Derselbe Wieland Speck, der in jedem Interview immer noch gerne vom Arabischen Frühling spricht (anstatt von arabischer Revolution, verdammt) benutzt gerne eine solche Formulierung aus der “Kunst muss wehtun”-Mottenkiste, bevor er dann gegen Aktivisten Strafanzeige erstatten lässt, die ein Occupybanner an der Absperrung des Roten Teppichs anbringen … übrigens anläßlich einer Filmpremiere, die unter dem Titel “Indignados” läuft und mit dem “Empört Euch”-Autor Stéphane Hessel aufwartet, ansonsten aber leider rein gar nichts mit Indignados, weltweiter Demokratiebewegung, Global Change oder so zu tun hat. Allenfalls eine Statistenrolle gesteht der Regisseur Toni Gatlif den Demonstranten in Madrid, Athen und Paris zu, interessiert sich nicht weiter für deren Forderungen und deren basisdemokratischen Geist, benutzt die Stichworte des Protests des Jahres 2011 letztlich lediglich, um sich mit einem stinklangweiligen, uninspirierten Streifen Zugang zur Berlinale zu verschaffen und einen Verkauf an Arte zu sichern. Kühler und abgefuckter kann man die Geschehnisse im Mai in Spanien nicht wiedergeben, als es dieser Film tut, und der Autor dieses Artikels fragt sich allen Ernstes, wie es möglich sein kann, dass man bei einem ausführlichen Besuch des Camps auf der Puerta del Sol nicht beeindruckt sein kann, mit Verlaub, aber was für eine gefühllose Pfeife muss man denn sein, wenn man sich nicht mal von so was beeindrucken läßt?

Ganz anders kommt da der Film “The Reluctant Revolutionary” von Sean McAllister, der ein zutiefst ergreifendes Portrait des jemenitischen Reiseveranstalters Kais ist, der zunächst widerwillig und dann immer begeisterter und aktiver Teil der jemenitischen Revolution wird. Ein unglaublich ehrlicher, grundsympathischer Mensch, ein unverstellt subjektiver Blick und ein uneitler Regisseur lassen hoffen, und immerhin, auch so ein Film auf der Berlinale …

Aber zurück zu Karmarkars “Interventionisten”. Über den Film als solches mag ich hier nicht sprechen, Bewegtbilder sind es immerhin schon. Die ersten acht Redner empören sich ziemlich schlicht und in mehr oder weniger wohlgesetzten Worten. Sie sagen nichts wirklich Falsches, ich möchte ihnen grundsätzlich recht geben, muss allerdings anmerken, dass ich alles Gesagte in Asambleas und an offenen Mikrofonen seit Juni 2011 auf dem Alexanderplatz oder vor dem Reichstag besser, empathischer, mitreißender gehört habe. Die letzten beiden Redner, Harald Welzer und Roger Willemsen schaffen es immerhin, einen sehr persönlichen Ton anzuschlagen, der durchaus in der Lage ist, zu Herzen zu gehen. Der Aufruf von Welzer, sich endlich selbst wieder ernst zu nehmen, und sein Geständnis, dass er jetzt wieder bei dem Wissen angelangt ist, das er mit 15 Jahren über die Welt und deren katastrophale Verfasstheit hatte, ist rührend und immerhin ein schöner Gedanke, der seinen Beitrag ehrlich besorgt erscheinen läßt. Willemsen geht am weitesten und fordert seine Zuhörer dazu auf, darüber nachzudenken das System zu ändern und einen Standpunkt außerhalb des Systems einzunehmen.

So weit so gut, aber warum palavern diese ganzen Leute darüber Mitte Dezember in einem geschlossenen Raum? Warum degradieren sie sich allesamt zu Klugscheißern (hier ein Synonym für “Interventionisten”), indem sie sich solistisch abgrenzen mit ihren Thesen und Erkenntnissen?! Warum gibt es bis dato kaum namhafte Künstler und Intellektuelle, die das hieruzulande noch zarte Protestpflänzchen à la Global Change in diesem Lande unterstützen, sich auf Augenhöhe mit Occupisten und Campern auseinandersetzen, wie kann es überhaupt möglich sein, dass die ganze Bewegung in all diesen Reden in diesem Film überhaupt keine Erwähnung findet? Nur einmal, als Slavoj Žižek zitiert wird mit seiner Rede im Zucottipark!? Merken die das nicht, kriegen die denn alle überhaupt nichts mit, oder sind sie sich nur zu schade dafür, weil die Nummer noch zu klein ist? Haben die denn nicht begriffen, dass bspw. Schauspieler, Regisseure, Philosophen usw. die Bewegung in den USA extrem gepusht haben, bevor sie so groß war wie Ende 2012? Wie kann es sein, dass ich einer der wenigen Filmemacher bin, die sich als Teil der Bewegung begreifen? Nur weil mich kein Schwein kennt?

Kleinlich, ängstlich, zögerlich verkriechen sich deutsche Künstler, Wissenschaftler und sonstige Denker in ihren eigenen unpolitischen Arschlöchern und tun sich offensichtlich schwer damit zu kapieren, dass da gerade etwas passiert, was sie zum einen nicht verpassen sollten und zum anderen massiv befördern könnten. Stattdessen stehen sie offensichtlich skeptisch und zögernd dem Ganzen gegenüber, beobachten, warten ab, kritisieren hie und da ein wenig, sagen auch mal, dass das ja toll ist, dass etwas getan wird, finden aber insgesamt das Ganze zu schwach wohl, zu klein, kein Ort, um sich wichtig zu machen. Und ernst nehmen tut sich in diesen Kreisen nur, wer sich wichtig fühlen darf. Gibt es Engagement nur gegen Hotelzimmer, Flugtickets und Sekt-Orange? Wer soll denn schon glauben, dass er als Einzelner was verändern kann, wenn ihr das nicht glaubt?! – Immerhin, es tun ja trotzdem viele bereits, und all diese Menschen sind deshalb liebenswerter, mutiger und klüger als ihr, die ihr glaubt, Debatten anregen zu müssen vor Publikum, welches dann eifrig nickt und ansonsten zusieht, ihre Schäfchen ins Trockene zu kriegen.

Nichts kapiert, Leute! Was da passiert, ist nichts weniger als die Formierung des Schwarms, und was der Schwarm macht, das bestimmen alle, die drin sind, das kann man von außen gar nicht bewerten oder so. Das geht rein logisch nicht. Kommt rein, quatscht mit uns, bringt euren Unmut auf die Straße, macht euren Geist nutzbar für Veränderung, teilt euch uns mit, hört uns zu, werdet Teil von etwas und hört auf, die Griechen zu bedauern, die arabische Revolution romantisch zu finden, sondern werdet Teil eines neuen Prozesses, einer neuen Kommunikation!

Eure persönliche Sicht ist hier gefragt, eure Subjektivität und eure gedankliche Schärfe, eure Bilder, Texte, Filme, Gedichte und Entwürfe. Stellt euch nicht blöder als ihr seid, fünf vor zwölf ist durch, jetzt gilt’s!

10 Gedanken zu “Revolution und Berlinale

  1. Und noch ein Hinweis als CC-Freak: In der Diskussion nach dem Karmarkar-Film wurde deutlich gemacht, dass die Redebeiträge nicht im Netz veröffentlicht werden können, weil sie da ja nicht die nötige, gezielte Reichweite erfahren, und weil der Film natürlich seine Produktionskosten reinspielen müsse ^^.
    Und was den Indignados-Film anbelangt, wird da super deutlich, dass mit dem Urheberrecht in jetziger Form ganz deutlich was nicht stimmt: Bilder von Flüchtlingen und deren Lagern, Demonstranten in ihren Camps und bei Aktionen, wieso kann es angehen, dass am Ende das Recht an den Bildern einer französischen Produktionsfirma gehören kann?! Wie kann ein Film, der zu weitesten Teilen von der Abbildung der Lebensrealität von verschiedensten Menschen lebt, nicht Gemeingut ist?

  2. warum sich da so viele intellektuelle raushalten? gute frage…ich schätze weil alles das stattfindet eben auch ein lernprozess ist, ein sehr öffentlicher und oft ist das nicht besonderlich ansehnlich….trotzdem ist es gut dass es so läuft, denn nur so ist der prozess für alle die mitmachen wollen offen….das ganze hat aber auch zur folge dass man sich dann bei vielem eher abwendet als jemand der sich als wacher geist versteht und die zu krassen schubladendenker werden von verschubladungspropaganda ferngehalten..das sind so die strukturellen gründe, denke ich….dann kommt aber noch hinzu dass sich viele bewegte wie die letzten wichser aufführen..das muss mal so klar gesagt werden..ich zb. schreibe seit langem im sinne der bewegung, setz mich auch dafür ein dass andere leute ihre texte veröffentlichen können und promote diese soweit es mir möglich ist…als fast schon selbstverständliches hintergrundrauschen wird man dafür immer wieder angefeindet, beleidigt, denunziert etc…das soll jetzt kein gejammer sein aber ich will mal darauf hinweisen dass die aller dümmlichsten anfeindungen schon klar sichtbar von den unaufgeklärtesten leuten kommen..wie man mit leuten umgeht die mainstreammeidenarbeit für die bewegung leisten ist ein weiteres beispiel….es ist jedenfalls einfach ein trugschluss zu glauben jeder wäre gleichweit und wenn die die sich in ihrem leben schon mehr mit gewissen fragen beschäftigt haben nicht mal den anderen was näher bringen dürfen ohne dafür gesteinigt zu werden, weil sie ja angeblich in wirklichkeit nur finstere absichten verfolgen ist es völlig klar dass sonst fast kein intellektueller lust auf die nummer hat… politische bildung ist eben auch arbeit in die man eigene zeit investieren muss und leute die das in ihrem leben noch nicht so sehr gemacht haben könnten auch mal mit nem bisschen mehr respekt denen gegenüber begenen die das schon gemacht haben und sich auch mal anhören was die so zu sagen haben….deshalb machen so leute schließlich diese arbeit anstatt ihr wissen an irgendwelche scheissagenturen zu verkaufen…

  3. Dieses von dir beschriebene Verhalten geht mir auch oft genug auf den Senkel, und ich kenne das zur Genüge. Dennoch meine ich mit meinem Artikel all die klugen Köpfe, die noch nicht mal bis zu den elenden von dir beschriebenen Debatten vorgedrungen sind, die deshalb auch gar nicht davon abgeschreckt sein können. Und sicherlich würde es dem Prozess ganz gut tun, wenn sich solche Köpfe wie Welzer aktiv einschalten würden, und damit auch das Niveau und Tempo der Gedanken bereichern könnten. Was du beschreibst meint ja auch so was wie eine häufig nicht respektierte “natürliche Autorität” – ja, so was gibt es, und das hat manchmal mit Erfahrung, Vorwissen, usw. zu tun und nichts mit Chefallüren – und respektiert werden eben in aller Regel, leider, immer noch die Leute, die eben auch gesellschaftlich entsprechend anerkannt sind … auch deswegen denke ich, dass diese Leute sich einbringen sollten, und ihre abwartend-ignorante Position verlassen sollten.