Kein Fußbreit dem System!

Wir wollen Revolution machen. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich habe jetzt jetzt bewusst wir gesagt, obwohl das ja so streng verboten ist. Aber ich habe diesen revolutionären Anspruch stets und immer als eine der wenigen notwendigen Grundvereinbarungen verstanden, wenn es um die weltweite Demokratiebewegung ging, der ich mich seit Mai 2011 mehr als verbunden fühle. Warum Revolution? Weil wir uns empören, und weil dieses altmodische Verb empören seit 2011 nicht irgendsowas wie Unmut oder Unzufriedenheit heißt, sondern weil empören bedeutet, dass wir uns mit diesem Begriff raus beamen aus einem System, von dem wir nicht länger annehmen können und wollen, dass wir darin noch unser Glück finden werden. Es geht nicht um größere Stücke vom Kuchen, nein der ganze Scheiss-Kuchen ist verdammt nochmal vergiftet, die Zutaten veraltet und falsch verarbeitet, es handelt sich insgesamt um ein beschissenes Rezept!

Unter diesem gewaltigen Vorzeichen der Empörung beschlossen nun weltweit sehr, sehr viele Menschen, auf die Straßen zu gehen und das Heft das Handelns wieder für sich einzuklagen. Daraus ist – in vielen anderen Staaten deutlicher als hier – eine massive Bewegung geworden, der Bewusstseinswandel hat längst begonnen, die Legitimation für das Handeln der Regierenden fängt weltweit fängt an zu bröckeln und zu bröseln.

Es liegt nahe und auf der Hand, dass einige in der Denkweise des alten Systems das Ganze nun als neue politische Kraft betrachten und organisieren wollen. Solche Bestrebungen sind seit dem Medienhype um Occupy deutlich spürbar. Ich persönlich finde diese Bemühungen geradezu brandgefährlich für eine Bewegung, deren Stärke vor allem in der schwer zu fassenden dezentralen Verbreitung liegt, und deren Kern die Debatte und die Begegnung, kurz die Kommunikation ist.

Wenn wir das Ganze innerhalb des Systems denken, dann wird das System mit seinen herausragenden Spaltungsqualitäten zuschlagen, denn das System braucht die Gegenkräfte. So reihen sich Organisationen wie Attac oder Campact und Oppositionsparteien wie Die Linke oder die Piraten ein in eine letztlich systemstabilisierende Auseinandersetzung. Das ist altbekannt und nicht wirklich umstritten, bestreiten will ich dennoch nicht, dass innerhalb dieses Spiels auch wertvolle Impulse gesetzt und durchaus auch Fortschritte auf den Weg gebracht werden können.

Die neue basisdemokratische Bewegung positioniert sich allerdings ganz anders. Das muss aus meiner Sicht klar sein. Und jeder, der sich eines dieser Labels an die Brust heftet, sollte sich darüber Gedanken machen, ob er sich der Konsequenzen dieses radikalen Grundgedankens bewusst ist. Nicht zuletzt sind wir das dem globalen Impuls, der diesen Gedanken auch zu uns hier gebracht hat, schuldig. In Deutschland wird es noch ein paar Tage dauern, bis daraus eine echte Massenbewegung geworden ist. Noch kämpft eine Promille für die 99% oder so. Das macht erstmal nichts, aus meiner Sicht ist es aber absolut zentral auch für die Demonstranten auf dem Tahirplatz oder an den Häfen in Oakland, dass sich auch hier, in diesem scheinbar marktwirtschaftlichen Musterland, Widerstand regt.

Ich empfinde es als Verhöhnung all derer, die sich im Zusammenhang dieser Global-Change-Bewegung verprügeln oder gar töten lassen müssen, wenn sich hier Leute satt und überheblich auf die Occupybewegung drauf setzen, in Wirklichkeit aber nur ein paar Reformen wollen und nicht den Systemwechsel. Im Lichte der jüngsten Ereignisse in Kairo finde ich das würdelos und höchst unanständig. Seien wir alle froh, dass es hier bei ein paar blauen Flecken bislang blieb, aber wenn wir diesen großartigen globalen Gedanken zu einer etablierten politischen Kraft verkommen lassen, dann fügen wir der weltweiten Demokratiebewegung erheblichen Schaden zu. Ich behaupte damit nicht, dass dies hier der Plan ist, finde aber, dass dies zu den wichtigsten Grundsätzen gehört bei allem, was wir uns ausdenken oder planen.

Bei allem sollten wir – gerade in diesem internationalen Zusammenhang – größten Wert darauf legen, das System von außen anzugreifen, bei der Forderung nach Basisdemokratie zu bleiben, und das heißt nicht ein bisschen mehr Demokratie; Basisdemokratie unterscheidet sich komplett und in allem von der Demokratie, wie wir sie kennen.

Das System wackelt und ächzt, es wird uns im kommenden Jahr massiv in die Hände spielen, da dürfen wir sicher sein. Lasst uns unsere Energie darauf verwenden, Neues zu schaffen, neue Strukturen zu erproben und zu üben, weil das ist doch schon das neue System. Diskussionen auf Plätzen in Pads und Blogs, Streitereien über Modelle und Optionen, all dies ist nicht vertane Zeit, sondern das ist es doch schon, worauf es hinauslaufen soll und muss. Und das am Ende mit 7 Milliarden. Und ohne Vorstand.

Slavoj Zizek hat in diesem Zusammenhang den Begriff vom Vakuum geprägt. Und dieser Leerraum ist es, der unsere Chance ausmacht. Die alte Grütze hat sich mindestens jahrzehntelang an die Wand gefahren und die Welt an den Abgrund gebracht. Wir müssen dies aufzeigen und mithelfen, das Vakuum zu schaffen, welches es dann behutsam zu füllen gilt. Mit allen zusammen. Gegen das Alte. Rockupy this. Danke für die Aufmerksamkeit.

50 Gedanken zu “Kein Fußbreit dem System!

  1. Hinweise zu einem konstruktivem Dialog mit diesen ( selbst ernannten ) Entscheidern :

    » Wir brauchen Zukunftsmodelle, die nicht alles grau und schwarz ausmalen, sondern lohnende Ziele formulieren. Ich möchte, daß die menschliche Gesellschaft wieder etwas optimistischer an ihre Zukunftsplanung herangeht. Die einzelnen Menschen sollen in ihrer Phantasie angeregt werden, auch kleine Änderungen vorzunehmen. Das ist eigentlich das Konzept der Zukunft. «
    (Hans-Peter Dürr)

    » Globalisierung richtig verstanden, bedeutet, dass es keine Standortpolitik mehr gibt. Es gibt nur einen Standort, und das ist der Planet Erde. Und es gibt auch nur eine Nation, das ist die Menschheit. Diese ist natürlich vielfältig, und muss liebevoll und empathisch miteinander kommunizieren. Wir müssen auch die Vertreter der sogenannten Elite, dort abholen, wo sie heute stehen. Wir dürfen keine Sündenböcke suchen. Denn wir müssen ihre Verlustängste berücksichtigen und sagen: Ihr werdet zwar etwas verlieren, aber das sind nur Zahlen auf Papier oder Displays. Und wenn ihr mitarbeitet, dann können wir jede Form von Lebensstandard schaffen und zwar für eine breite Bevölkerung. Das schafft dann auch Sicherheit, weil es keinen Neid mehr geben wird. «
    (Franz Hörmann, Professor an der Wirtschaftsuniversität in Wien)
    Auszug : http://derstandard.at/1285200656759/derStandardat-Interview-Banken-erfinden-Geld-aus-Luft

    » Nur mal eine Überlegung bzw. Frage dazu : Die einzig überlieferte “agressive” Handhabung vom alten Joschi war das Vertreiben der Geldwechsler aus dem Tempel. Inwieweit sollte man diese Nachfolge und das eigene Kreuz aufnehmen entsprechend im Umgang mit den Banken [ whatever ! ] dann befürworten ?! «
    (Etwas von mir dazu …)

  2. ich bin total bei dir, die knifflige frage ist aber, wie die menschen mitnehmen, die eher bauchgefühlmässig spüren, das system ist gescheitert aber wo konkret dann doch eher ängste über eine ‘ungewisse’ zukunft vorherrschen und die vor ‘radikalität’ zurückschrecken, weil es eben so negativ belebt ist…
    nice one…

  3. Das ist knifflig, da gebe ich dir recht, und es stimmt, dass es bei vielen Menschen eher Ängste auslöst, wenn sie den nächsten Schritt nicht kennen. Aber andererseits fangen immer mehr Leute an zu verstehen, dass radikal das ist und war, was mit ihnen gemacht wurde, im Rahmen dieses ungeheuren Raubzuges der “1%” in den letzten Jahrzehnten. Und da ist es aus meiner Sicht am sinnvollsten immer ganz genau auf die Geschichte zu achten, die wir im Rahmen dieser weltweiten Veränderungen erzählen. Und da kann die radikale Antwort eben mal auch so niedlich ausfallen wie gestern im Bundespressecamp, oder wie im ersten Kommentar hier vorgeschlagen mit der ollen Jesustempelreinigung ;)
    Unsere Radikalität muss eben vor allem dadurch gegeben sein, dass wir keine Spielchen mitspielen. Der Text bezieht sich ja (auch) auf konkrete Verinsgründungspläne oder Stichwortgeberei von Attac und so was. Das Vakuum müssen wir eben schmackhaft machen!

  4. Auch ich finde es essentiell, die Bewegung und den Widerstand, vor allem aber auch die neuen Lösungen auf die Basis der Erfahrungen und des Wissens möglichst vieler ( wenn nicht aller :-) zu stellen. Ich erlebe es, dass auch wir, die wir für das Neue leben und von einer Kommunikation auf Augenhöhe und von echter Demokratie träumen, wohl noch einige Zeit brauchen werden, bis wir mit unserem Denken und Handeln auch nur annähernd dem fatalen win-lose-game entkommen, dass allerorten gespielt wird, und es hinkriegen werden immer öfter win-win-Situationen zu kreieren, diesem Prinzip überhaupt erst einmal grundsätzlich zu vertrauen, auch dann noch, wenn es einen scheinbaren oder tatsächlichen Mangel gibt. Ich glaube, darin, diese innere Haltung zu bestärken und uns selbst zu Menschen werden zu lassen, die zu echter Kooperation fähig sind, auch wenn es knapp wird, liegt unsere größte Aufgabe. Lasst uns uns darin immer wieder bestärken, dass das möglich ist! Lasst uns nicht zu früh “an einem Strang ziehen” müssen, es reicht, wenn vorerst so viele wie möglich sich aufmachen und sich von diesem immer korrupter werdenden System und seinen hierarchischen Organisationsformen verabschieden, sei es auch in verschiedene Richtungen – solange das endgültige Ziel – echte Teilhabe für jede_n, Miteigentum jedes einzelnen und dezentrale Organisation und Kooperation, natürlichen Systemen nachempfunden – für alle erkennbar bleibt.

    Aus THE CHAORDIC ORGANIZATION: OUT OF CONTROL AND INTO ORDER
    von Dee W. Hook (2003)

    “It is my personal belief, although I would be hard-pressed to prove it, that we are at that very point in time when a four–hundred-year-old age is dying and another struggling to be born; a shifting of culture, science, society, and institutions enormously greater than the world has ever experienced. Ahead, the possibility of regeneration of individuality, liberty, community, and ethics such as the world has never known and a harmony with nature, with one another, and with the divine intelligence such as the world has never dreamed.
    There isn’t the slightest doubt in my mind that chaordic we are, chaordic we will remain, chaordic the world is, and chaordic our institutions must become. It is the way of life since the beginning of time and the only path to a sustainable world in the centuries ahead, as life continues to evolve into ever–increasing complexity. The only question is whether we will get there through massive institutional collapse, enormous social carnage, and painful reconstruction, with the distinct possibility of yet another regression to that ultimate manifestation of Newtonian concepts of control–dictatorship.

    Or have we, at long, long last, evolved to the point of sufficient humility, intelligence, and will to discover the concepts and conditions by which chaordic institutions can find their way into being? Institutions, which have inherent in them the mechanisms for their own continual learning, adaptation, order, and evolution and the capacity to co–evolve harmoniously with all other living things to the highest potential of each and all?
    I simply do not know, but this I do know. At such times, it is no failure to fall short of realizing all that we might dream. The failure is to fall short of dreaming all that we might realize.”

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